01Was APTS ist — und was nicht
APTS ist ein Governance-Framework für das Verhalten autonomer Pentest-Plattformen und eine Compliance-Baseline für Vendor, MSSP und Enterprise — kein How-to-Pentest, kein Ersatz für PTES, WSTG oder OSSTMM und kein Tool- oder Vendor-Ranking. Während PTES die sieben Phasen eines Pentests beschreibt und WSTG Web-Test-Techniken katalogisiert, adressiert APTS die Plattform-Eigenschaften: Scope-Enforcement, Safe Autonomy, Accountability, Decision-Trails und Audit-Isolation für KI-gesteuerte Systeme. Der Standard liegt als OWASP-Projekt in Version 0.1.0 vor (Lizenz CC BY-SA 4.0) und ist über die OWASP-Projektseite und GitHub frei zugänglich.
02Die 8 Domänen mit 173 Anforderungen
Die 173 Tier-Required-Anforderungen verteilen sich auf acht Domänen: Scope Enforcement (SE, 26) erzwingt Scope-Grenzen technisch statt nur vertraglich; Safety Controls (SC, 20) fordern Impact-Klassifizierung, Blast-Radius-Analyse und Kill-Switch; Human Oversight (HO, 19) regelt Approval-Gates, Eskalationspfade und Operator-Qualifikationen; Graduated Autonomy (AL, 28) verlangt deklarierte Autonomie-Level mit Approval-Matrix und Capability-Gating; Auditability (AR, 20) fordert lückenlose, signierte und plattform-isolierte Audit- und Decision-Trails; Manipulation Resistance (MR, 23) adressiert Prompt Injection, Adversarial Inputs und Scope-Widening; Supply Chain Trust (TP, 22) verlangt Foundation-Model-Disclosure, Data-Handling-Transparenz, Multi-Tenancy-Isolation und SBOM; Reporting (RP, 15) fordert Finding-Validation, Confidence-Scoring und Coverage-Disclosure.
03Vier Autonomie-Level: L1 bis L4
APTS schreibt ein abgestuftes Autonomie-Modell vor — kein Sprung von manuell zu voll-autonom. L1 Assisted: Der Mensch plant und führt aus, die Plattform schlägt vor (z. B. Vulnerability-Scan mit Empfehlungen). L2 Supervised: Die Plattform plant, der Mensch genehmigt jeden Schritt (Guided Exploitation mit Approval-Gates). L3 Delegated: Die Plattform plant und führt aus, der Mensch überwacht (autonome Recon mit überwachter Exploitation). L4 Autonomous: End-to-End-autonomer Betrieb, etwa als Continuous Autonomous Red Team. Grundprinzip des Standards: Mit zunehmender Autonomie steigen die Assurance-Anforderungen — L4 ist nur mit Tier-3-Nachweisen vertretbar. In der Praxis genügt vielen Organisationen L2; entscheidend ist nicht, wie autonom eine Plattform sein kann, sondern wie autonom sie für den konkreten Use-Case sein muss.
04Drei Compliance-Tiers: 72 → 157 → 173
Die Anforderungen sind kumulativ gestaffelt. Tier 1 Foundation (72 Anforderungen) ist die Baseline: kein Testing außerhalb des Scopes, funktionierender Kill-Switch, grundlegender Audit-Trail, Impact-Klassifizierung pro Aktion — geeignet für interne Tests und Non-Production-Umgebungen. Tier 2 Verified (+85, kumuliert 157) ergänzt manipulationssichere signierte Audit-Trails, Decision-Trail-Transparenz, unabhängig verifizierbare Findings, volle Manipulation Resistance und Supply-Chain-Transparenz — der Maßstab für Enterprise-Einsätze mit sensiblen Daten und regulierte Branchen. Tier 3 Comprehensive (+16, kumuliert 173) ist das höchste der drei Assurance-Level: L4-Autonomous-Readiness, Tauglichkeit für kritische Infrastrukturen (OT, KRITIS), externes Red-Teaming der Plattform selbst und Governance-Reife-Nachweise. Als Umsetzungsweg bewährt sich ein fünfstufiges Vorgehen: Gap-Analyse gegen Tier 1, Foundation-Build, Tier-1-Attestation, Tier-2-Extension, externe Verifizierung.
05Regulatorische Anker: ein Framework, vier Nachweise
Die APTS-Domänen mappen auf zentrale EU-Regularien: Im EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689) adressieren AL, SC und MR das Risikomanagement nach Art. 9, AR die Logging-Pflichten nach Art. 12, HO die menschliche Aufsicht nach Art. 14 und MR/RP die Genauigkeits- und Robustheitsanforderungen nach Art. 15. Für ISO/IEC 42001 (AI Management System) dienen die APTS-Controls als Control-Baseline für Operational Controls, Performance Monitoring und Supply Chain. Unter NIS2 (Richtlinie (EU) 2022/2555) greifen SE, SC und MR beim Risikomanagement nach Art. 21, TP bei der Lieferketten-Sicherheit nach Art. 21 Abs. 2 lit. d. Bei DORA (Verordnung (EU) 2022/2554) unterstützen AL und SC Threat-Led Penetration Tests (TLPT), TP das ICT-Third-Party-Risk-Management und SE/HO das Testing-Programm nach Art. 24–27. Wer Tier 2 erfüllt, hat damit einen Großteil der regulatorischen Grundarbeit für autonome Testkomponenten bereits geleistet.
06APTS praktisch nutzen: Einkauf, Betrieb, Audit
Im Vendor-Einkauf macht APTS Angebote vergleichbar: Statt der Frage „Ist das sicher?“ fordern Sie eine Tier-Selbstdeklaration inklusive Foundation-Model-Disclosure, Audit-Trail-Nachweis und konkreter Antworten zu Scope-Enforcement und Kill-Switch-Propagation — mindestens Tier 1 sollte vertraglich fixiert sein, für NIS2-Scope Tier 2, für L4-Use-Cases und KRITIS-Kernfunktionen Tier 3. Für den eigenen Betrieb lassen sich sofort umsetzbare Schritte ableiten: Scope-Inventar maschinenlesbar führen (JSON/YAML), Kill-Switch-Tests in jedes Engagement aufnehmen und quartalsweise dokumentieren, Audit-Log-Destination außerhalb der Plattform definieren, Operator-Qualifikationen dokumentieren, Coverage-Disclosure mit dem Scope-Inventar abgleichen und pro High-Finding ein reproduzierbares Evidence-Package einfordern. Im Audit prüfen Sie Audit-Trails isoliert, Decision-Trails stichprobenhaft und die Coverage-Disclosure gegen den vereinbarten Scope.