Termin vereinbaren

Product Security über den Produktlebenszyklus

Warum die Sicherheit vernetzter Produkte eigene Normen, Prozesse und Organisationsstrukturen erfordert – von ISO/SAE 21434 über IEC 62443 und EN 18031 bis zum PSIRT.

Product Security bezeichnet die Sicherheit der Produkte, die ein Unternehmen entwickelt und verkauft – nicht die Sicherheit seiner eigenen IT. Vernetzte Fahrzeuge, Industriekomponenten und Funkanlagen stehen dabei unter wachsendem regulatorischem Druck: UN R155/R156 koppeln die Typgenehmigung an ein Cybersecurity-Management-System, der RED Delegated Act macht Cybersicherheit seit August 2025 zur Marktzugangsvoraussetzung für internetfähige Funkanlagen, und der Cyber Resilience Act weitet diese Logik ab 2026/2027 auf nahezu alle Produkte mit digitalen Elementen aus. Wer Produkte mit Software entwickelt, braucht deshalb neben dem ISMS eigene Strukturen: einen sicheren Entwicklungslebenszyklus, ein PSIRT für den Umgang mit Schwachstellen und einen belastbaren Plan für Support-Zeiträume bis zum End-of-Life.

Das Wichtigste im Überblick

01

Was Product Security von Unternehmens-IT-Security unterscheidet

Unternehmens-IT-Security schützt die eigene Infrastruktur und wird typischerweise über ein ISMS nach ISO/IEC 27001 gesteuert. Product Security schützt dagegen das Produkt im Feld – in der Umgebung des Kunden, oft mit physischem Zugriff durch Angreifer und über Laufzeiten, die übliche IT-Supportzyklen deutlich überschreiten. Eine Schwachstelle betrifft dabei nicht ein einzelnes System, sondern die gesamte installierte Basis und kann Safety-Folgen, Rückrufe oder den Verlust der Typgenehmigung nach sich ziehen. Organisatorisch verschiebt sich die Verantwortung damit vom IT-Betrieb in die Produktentwicklung – mit eigenen Managementsystemen (CSMS), Entwicklungsprozessen (Secure Development Lifecycle) und Reaktionsstrukturen (PSIRT).

02

Automotive: ISO/SAE 21434, UN R155 und UN R156

ISO/SAE 21434:2021 definiert das Cybersecurity-Engineering für Straßenfahrzeuge über den gesamten Lebenszyklus – von der Konzeptphase bis zur Außerbetriebnahme. Kernstück ist die Threat Analysis and Risk Assessment (TARA) nach Kapitel 15: von der Asset-Identifikation über Bedrohungsszenarien, Schadens- und Angriffspfadanalyse bis zur Risikobehandlungsentscheidung. Verbindlich wird das Thema durch die UNECE-Regelungen: UN R155 verlangt ein zertifiziertes Cybersecurity-Management-System (CSMS) als Voraussetzung der Typgenehmigung, UN R156 ein Software-Update-Management-System (SUMS). In der EU gelten beide über die General Safety Regulation (EU) 2019/2144 – seit Juli 2022 für neue Fahrzeugtypen, seit Juli 2024 für alle Neufahrzeuge; ISO/SAE 21434 gilt als anerkannter Stand der Technik zur Umsetzung der CSMS-Anforderungen.

03

Industriekomponenten: IEC 62443-4-1 und 62443-4-2

Für Komponenten industrieller Automatisierungssysteme trennt die IEC-62443-Reihe Prozess- und Produktanforderungen. IEC 62443-4-1:2018 beschreibt einen sicheren Produktentwicklungslebenszyklus in acht Practices – von Security-Management und Anforderungsspezifikation über Secure Design und Implementierung bis zu Verifikation, Defect- und Patch-Management sowie Security-Guidelines für Anwender –, der ausdrücklich bis zum Produkt-End-of-Life reicht und über vier Reifegrade bewertet wird. IEC 62443-4-2:2019 spezifiziert die technischen Anforderungen an die Komponenten selbst: Component Requirements für vier Komponententypen (Embedded Devices, Host Devices, Netzwerkkomponenten, Software-Applikationen), abgeleitet aus sieben Foundational Requirements und gestaffelt in die Security Level SL 1 bis SL 4. Für Hersteller werden beide Teile zunehmend zum Beschaffungskriterium, weil Betreiber Nachweise und Security Level konkret nachfragen.

04

Funkanlagen: RED Delegated Act und EN-18031-Reihe

Die Delegierte Verordnung (EU) 2022/30 aktiviert die Cybersicherheitsanforderungen des Art. 3 Abs. 3 Buchst. d–f der Funkanlagenrichtlinie (RED); seit dem 1. August 2025 sind sie verbindliche Voraussetzung für das Inverkehrbringen internetfähiger Funkanlagen. Als harmonisierte Normen dienen EN 18031-1, -2 und -3 (Ausgabe 2024) für Netzschutz, Schutz personenbezogener Daten und Betrugsschutz; die EU-Kommission hat sie im Januar 2025 im Amtsblatt gelistet – allerdings mit Einschränkungen. Erlaubt ein Produkt etwa den Verzicht auf ein Passwort (Abschnitte 6.2.5.1/6.2.5.2) oder fehlt bei EN 18031-2 eine zugesicherte Kindersicherung (Abschnitte 6.1.3–6.1.6), greift die Konformitätsvermutung nicht, und eine Benannte Stelle muss einbezogen werden. Hersteller sollten diese Einschränkungen daher früh im Konformitätsbewertungsverfahren prüfen.

05

PSIRT: organisierte Reaktion auf Produktschwachstellen

Ein Product Security Incident Response Team (PSIRT) behandelt Schwachstellen in den eigenen Produkten – im Unterschied zum CSIRT, das Vorfälle in der eigenen Infrastruktur bearbeitet. Das PSIRT Services Framework v1.1 von FIRST (2020) strukturiert die Aufgaben in sechs Service-Bereiche – Stakeholder Ecosystem Management, Vulnerability Discovery, Triage, Remediation, Disclosure sowie Training und Education – und beschreibt verteilte, zentralisierte und hybride Organisationsmodelle. Spätestens mit dem Cyber Resilience Act (Verordnung (EU) 2024/2847) wird diese Fähigkeit zur Pflicht: Ab dem 11. September 2026 müssen Hersteller aktiv ausgenutzte Schwachstellen nach Art. 14 gestaffelt binnen 24 Stunden, 72 Stunden und 14 Tagen an den als Koordinator benannten CSIRT und die ENISA melden; für schwerwiegende Vorfälle gilt dieselbe Staffelung mit einem Monat für den Abschlussbericht. Ohne eingespielte PSIRT-Prozesse sind diese Fristen kaum einzuhalten.

06

Sicherheit über den Produktlebenszyklus – bis zum End-of-Life

Produktsicherheit endet nicht mit der Markteinführung: Schwachstellenmanagement, Sicherheitsupdates und Monitoring müssen über die gesamte Nutzungsdauer geplant und finanziert werden. Der Cyber Resilience Act verlangt einen Unterstützungszeitraum, der die erwartete Produktnutzungsdauer widerspiegelt und in der Regel mindestens fünf Jahre beträgt (Art. 13 Abs. 8); Sicherheitsupdates sind kostenlos bereitzustellen, und der Support-Zeitraum ist vor dem Kauf transparent zu machen. Branchennormen denken das End-of-Life ebenfalls mit: IEC 62443-4-1 nimmt es ausdrücklich in den Entwicklungslebenszyklus auf, UN R156 verlangt gemanagte Software-Updates über die Fahrzeuglebensdauer. Ein geordnetes End-of-Life umfasst die frühzeitige Ankündigung des Support-Endes, letzte Security-Advisories und Migrationspfade für Bestandskunden.

Standards & Quellen

Die Inhalte dieser Seite basieren auf den folgenden öffentlich verfügbaren Leitfäden und Studien.

ISO / SAE International · 2021

ISO/SAE 21434:2021 – Road vehicles – Cybersecurity engineering

Engineering-Standard für Cybersicherheit über den Fahrzeuglebenszyklus; definiert die TARA-Methodik (Kapitel 15) und gilt als Stand der Technik für das CSMS nach UN R155.

UNECE · 2021

UN Regulation No. 155 – Cyber security and cyber security management system

Verbindliche Typgenehmigungsvorschrift für das CSMS; in der EU über die Regulation (EU) 2019/2144 seit Juli 2022 für neue Typen und seit Juli 2024 für alle Neufahrzeuge anwendbar.

IEC · 2018/2019

IEC 62443-4-1:2018 / IEC 62443-4-2:2019

Prozessanforderungen (acht Practices des sicheren Entwicklungslebenszyklus) und technische Komponentenanforderungen (SL 1–4) für industrielle Automatisierungskomponenten.

Amtsblatt der EU / EUR-Lex · 2022

Delegierte Verordnung (EU) 2022/30 (RED Delegated Act)

Aktiviert Art. 3 Abs. 3 Buchst. d–f RED, verbindlich seit 01.08.2025; Konformitätsvermutung über die EN-18031-Reihe (2024), im Amtsblatt gelistet mit Einschränkungen seit Januar 2025.

FIRST.org · 2020

PSIRT Services Framework Version 1.1

Referenzrahmen für Aufbau und Betrieb eines PSIRT mit sechs Service-Bereichen und drei Organisationsmodellen (verteilt, zentralisiert, hybrid).

Amtsblatt der EU / EUR-Lex · 2024

Verordnung (EU) 2024/2847 (Cyber Resilience Act)

Meldepflichten für aktiv ausgenutzte Schwachstellen ab 11.09.2026 (Art. 14), Hauptpflichten ab 11.12.2027, Unterstützungszeitraum in der Regel mindestens fünf Jahre (Art. 13 Abs. 8).

Product-Security-Pflichten für Ihr Portfolio klären?

In einem unverbindlichen Erstgespräch ordnen wir ein, welche Normen und Fristen für Ihre Produkte gelten – von der TARA über IEC 62443 und EN 18031 bis zum PSIRT-Aufbau.